Winterhafen

Das Bild zeigt das Buch “Winterhafen” am Mainzer Winterhafen

    “Er verurteilte den Realismus in der Literatur. Kunst soll doch erfreuen, nicht wahr. Das Leben war doch gewiß nicht heiter genug, um so einfach abphotographiert zu werden. Da seine Frau bei diesen Worten seufzte, wechselte er schnell das Thema und sprach vom Kaiser.” (Eduard von Keyserling, 1911)

Mancher Griff in die Regale von Buchhandlungen und Bibliotheken ist weniger von literarischem Interesse als lokalpatriotischer Neugier gelenkt. Der Leser kennt die Handlungsorte und ist gespannt darauf, sie im Buch wiederzufinden, literarisch anverwandelt oder dokumentarisch exakt geschildert.

So war es auch bei Sigfrid Gauchs 1999 erstmals und 2011 in einer Überarbeiteten Neuausgabe erschienenem Roman “Winterhafen”. In “Winterhafen” verschränkt Gauch auf mehreren Zeitebenen und diversen Rückblenden zwei Erzählstränge um den Hochschullehrer Stefan Dorn: Dorns Beziehung zur Ärztin Anna Morgenstern und die Geschichte der Entfremdung von seiner Tochter Patricia. Beide Handlungsteile enden tragisch: die Tochter, am Leben, den Drogen und dem Studium gescheitert, suizidiert sich im Alter von 28 Jahren. Die Geliebte wird von geheimbündlerischen rechten Esoterikern getötet.

Noch am ehesten werden Jugendliche und junge Erwachsene Zugang zu den 451 Seiten wiederfinden. “Winterhafen” ist kein Mainzer Roman, kein Liebesroman, kein Kriminalroman. Man mag das Buch deshalb als Zeitroman für Jugendliche und junge Erwachsene verorten; Der Leser spürt in vielen Formulierungen den pädagogischen Hintergrund Gauchs, dessen Vita der des Helden in manchem ähnelt.

Über weitere Annäherungen zur biographischen Realität soll hier nicht spekuliert werden. Auch die Beurteilung der literarischen Qualität des Textes soll nicht im Zentrum der Betrachtung stehen.

Treffend beobachtet wird die Mainzer Literaturszene um den Buchhändler Pfaff, in dem Kenner natürlich das reale Vorbild wiedererkennen werden. “Autoren untereinander neiden sich gründlich jeden Erfolg, gönnen sich gegenseitig keine einzige Veröffentlichung”, charakterisiert Gauch auf Seite 105 den lokalen Schreiberklüngel.

Die Originalprobe besteht der Text nicht. Die titelgebende Örtlichkeit bleibt seltsam unscharf. Obwohl Gauch manche Schlüsselszenen des Romans am Winterhafen ansiedelt, vermag er es nicht, dem Leser die Eigenart und Atmosphäre des Terrains zwischen Fort Malakoff und der Eisenbahnbrücke nachhaltig und überzeugend zu vermitteln.

Den Winterhafen, den Sigfrid Gauch der Abfassung seines Romans vor Augen hatte gibt es heute nicht mehr. Wo früher Unkräuter und BrombeerHecken wucherten, rodeten die Projektentwickler. Allabendlich planiert die Spaßgesellschaft den Rasen der Mole. Eventgastronomie und Biergarten treiben szenetypisches Unwesen. Und so ist es schade: Gauch hat die Chance, den Winterhafen literarisch in der Zeitkapsel eines Buches zu konservieren, nicht genutzt.