Ja – Nein – Vielleicht – Weiß nicht

Stroop-Test

    Beispiel für einen Stroop-Test

Wer sich einmal zum Aufwärmen, auf der Suche nach dem Sinn des Lebens oder tatsächlich zu Studienzwecken in einer sozialwissenschaftlichen Fakultät oder auch nur in deren Cafeteria aufgehalten hat, weiß, dass Studierende aus den entsprechenden Fachbereichen hinter Versuchspersonen herjagen wie Bankberater hinter gutgläubigen Senioren.

Da wollen Probanden für ein psychologisches Experiment gewonnen werden, da gilt es, die Teilnehmerquote für eine Befragung zu erfüllen. Mancher hat im Laufe seiner Semester so viele Tests für Kommilitonen über sich ergehen lassen, dass er bei einer erneuten Bitte nur noch müde abwinkt. Deshalb ist die Gewinnung wahrer und verlässlicher Daten mit Interviews und Befragungen im Rahmen von Laborexperimenten nicht eben leicht. Die Qualität der Interviewantworten ist also von vornherein nicht immer die beste.

Noch schlimmer: Nicht nur Journalisten fälschen ihre Interviews. Auch die Interviewer im Feld und im Labor erfinden gerne Antworten oder saugen sich komplette Interviews schlicht und einfach aus den Bleistiften. Dies gilt unter Demoskopen und Sozialwissenschaftlern als offenes Geheimnis. Der Prozentsatz falscher Daten soll bis zu 20 Prozent betragen, was die Branche aber nicht weiter kümmert. Schließlich, so die schlitzohrige Argumentation, ergeben sich nur geringe Verzerrungen, da der Versuchsleiter oder Interviewer eben als Experten Bescheid wissen und noch schlüssigere und damit bessere Antworten geben können als die Zielpersonen.

Als die, der man Gehorsam schuldet, um den Gefallen bat, einigen Psychologen im Rahmen einer Examensarbeit behilflich zu sein, begab sich der Radler am frühen Abend trotzdem brav und zu ehrlichen Antworten bereit ins Psychologische Institut der Universität der vollgefressenen geisteskranken Stadt.

Wie sich herausstellen sollte, war vorgesehen, ihn einem „emotional stroop test“ zu unterziehen. Dieser Test basiert auf dem sogenannten Stroop-Effekt. Er arbeitet mit geschriebenen Wörtern in verschiedenen Farben. Es gilt, die Farbe der kurz präsentierten Begriffe reaktionsschnell und richtig anzugeben. Ein emotionaler Stroop-Test als Weiterentwicklung verwendet affektiv besetzte Begriffe und untersucht, wie deren emotionale Dimension Wahrnehmung und Reaktionszeit beeinflusst.

Auf dem Bildschirm flimmerten dem Radler also farbige Wörter wie “Hass”, “Abscheu”, “Ekel” und dergleichen entgegen. Es folgten sowie farbig gerahmte Fotos mit entsprechend mimisch verzerrten Gesichtern. Wie eingewiesen bemühte er sich nach besten Kräften, die Farben rasch und richtig zu sortieren und die entsprechenden Tasten zu drücken.

Nichts aber gefällt Versuchsleitern in Labor mehr, als ihre Probanden zu frustrieren. Und so enthielt  das Design der Studie möglicherweise noch eine verdeckte Variable. Im vorliegenden Experiment lag die Frustration wahrscheinlich darin, dass die “Farbtasten” äußerst ungünstig belegt waren und sich aus dieser Anordnung diverse Auge-Hand-Koordinationsprobleme ergaben.

Als schließlich die einschlägigen Persönlichkeitstests vorgelegt wurden, sollte sich zeigen, dass in der Sozialwissenschaft die korrekte Antwort auch beim besten Bemühen um Aufrichtigkeit nicht immer zweckdienlich ist.

Eigentlich – nur ein Beispiel – hätte die Frage nach gelegentlichen Ess-Attacken mi Rücksicht auf die jüngst geschlundeten Spekulatius ein offenes “Ja” verdient. Weil aber klar war, dass der Fragebogen keine Schleckermäuler sondern Personen mit Bulimietendenzen erfassen sollte, wurde behutsam nachgefragt. Und siehe da – eine Packung Spekulatius oder eine Tafel Schokolade sei noch kein Fressanfall, kam gnädiger Dispens. Auch – noch ein Beispiel – die ehrliche Auskunft auf die Frage, ob man in der Jugend Gleichaltrige mit Schlaginstrumenten traktiert habe, hätte bei der Auswertung wahrscheinlich auf freudianische Holzwege  geführt (denn mitnichten impliziert der ausgiebige Gebrauch eines Holzstocks einen Hang zum Sadismus). Nein, man sei nicht so sehr an den Duellen  junger Kiesgrubenmusketiere interessiert, so die verlegene Antwort der jungen Psychologin.

Nicht immer also wird vorsätzlich am Ergebnis herummanipuliert – manchmal steht sich die Wissenschaft bei solchen Erhebungen selbst im Weg.