Schlagwort-Archive: Urban Art

Schießgartenstraße

Schießgartenstraße

    “… er schrieb und lebte bescheiden daher. Und das Leben auf der großen Weltbühne rauschte vorbei, umbrauste ihn, und er lächelte. Wer so lächeln kann –!” (Tucholsky über Fontane, 1919)

Rathausplattform

Rathausplattform

    “Hiermit aber hat die Poesie, als eine brotlose Kunst, gar nichts zu schaffen, gegen welche sich daher auch eine auffallende Gleichgültigkeit und Verachtung überall bemerkbar macht.” (Joseph von Eichendorff, 1857)

Dass es sich bei den weißen Brocken nicht um Brotkrumen, sondern um Kunst handelt, hat die Taube nicht sofort bemerkt. So hat sie zunächst verwundert und vergeblich herumgepickt. Die kleinen Steinchen sind Teil eines Skulpturenprojektes.

Zwölf Studenten der Kunsthochschule Mainz haben sich kreativ mit der Ödnis der Mainzer Rathausplattform auseinandergesetzt. Unter dem Arbeitstitel “Ausrastern” präsentieren sie ihre Resultate vor Ort. Dazu gehört auch die Installation “Remission”. Die Künstlerin hat Bitumenestrich auf den Platz ausgegossen und die erstarrtem schwarzen Pfützen mit Ziersteinchen garniert. Das soll wahrscheinlich die Monotonie der Bodenplatten aus Kieselsteinbeton thematisieren, verfremden und/oder aufbrechen.

Die Taube denkt sich „Das ist mir Hekuba“ und trippelt weiter, nur um vom nächsten Kunstwerk irritiert zu werden. “Taubenimbiss” verheißt eine Reklame auf einem Verkaufswagen – natürlich keine Snack-Gelegenheit für hungrige Vögel, sondern eine mobile Grillstation – ironischer Verweis auf das gebrochene Verhältnis zum gurrenden Stadtgeflügel.

Schillerplatz

Schillerplatz

    ” Aber Sie dürfen es nicht so schwernehmen. Ein bißchen Liebe findet sich immer noch.” (Fontane)

Zerstreutes Hinsehen auf die kommunikativen Miniaturen des öffentlichen Raumes. Einem technisch versierten Flaneur ist die Botschaft der gelben Hinweistafel klar: ganz in der Nähe verläuft eine Erdgasleitung mit Schieberkasten und weiteren Armaturen. Hekuba wird ihm die untere Kurzmitteilung bleiben. Gefühl der Zuneigung mit fünf Buchstaben. Schwarz auf weiss, im DIN-A4-Format.

Nun mag sich dergleichen Emotion bei empfindsamen Seelen unter Zugabe von Frühlingssonnenschein und angesichts der benachbarten quietschbunten Stiefmütterchenplantage relativ geschwind einstellen – nur wo, wie und warum genau?

Ist der Aushang ein Überrest von der letzten Hochzeitsmesse? Versprengter Bestandteil einer bereits demontierten Urban-Art-Aktion? Oder hat ein Anwohner seiner Liebsten dieses Blatt als Gunstbeweis an der Laterne angebracht, puristische Version eines Maibaums – auf die Money Quote reduziert?

“Bank der Termine”, Stresemannufer

“Bank der Termine”, Stresemannufer

    “Übrigens sind Sie mit keinem Termine genirt. Arbeiten Sie mit Muse, ich dencke indes an etwas neues.” (Goethe, in einem Brief von 1785)

Parkbank am Stresemannufer; Haftnotizen wie Schmetterlinge, die in der Abendsonne ausruhen. Normalerweise stacheln Post-Its im persönlichen Zeitplan herum, Imperative für Aufgaben und Verabredungen, zu denen man sich in unbedachten Momenten committet hat.

“10:30 Zahnarzt!” “Blumenstrauß für Mutti besorgen!” Ob endorphinentrückter Jogger beim Marathontraining oder prokrastinierender Jungakademiker auf dem Weg zur Grillwiese am Winterhafen: jeder pflegt sein persönliches Arbeitsumfeld in Büro oder Studierstübchen mit dergleichen Memos zuzupflastern.

Momentan jedoch flattern die Gedächtnisstützen auf einer Ruhebank in der Mähe der Malakoff-Terrasse. Für eine Urban-Art-Lehrveranstaltung der Kunsthochschule Mainzer haben zwei Studentinnen das öffentliche Sitzmöbel in eine “Bank der Termine” umgewidmet.

“Folien schicken!” “Nochmal anrufen!” Was sonst Tasks durchpriorisiert, Timelines matcht oder den Workflow updatet, wirkt auf der Parkbank wie weggeworfene Einkaufszettel im Supermarkt: quasivoyeuristische Einblicke in das ebenso belanglose Leben der Anderen.

“… und ich war im Herzen als wie der Keim, der aus erster Verhüllung …”

Stresemannufer

    Stresemannufer

“… ans Licht hervorbricht …” (Bettina von Arnim)

Die Rheinpromenade zwischen Theodor-Heuss-Brücke und Winterhafen ist ein lohnendes Terrain zur Ergänzung des universitären Lehrbetriebes auf dem Campus. Vor einem Monat suchten Geographiestudenten am Kurfürstenbrunnen Auskunftspersonen für eine Umfrage. Vergangene Woche erfassten angehende Ingenieure bei Vermessungsübungen die trigonometrischen Besonderheiten der Malakoff-Terrasse.

Am Dienstag war das Stresemann-Ufer an der Reihe. Dort improvisierten Studenten der Lehreinheit Bauingenieurwesen an der Fachhochschule Mainz: Alltagsmaterialien (Wolle, Strumphosen, Alufolie) in Kombination mit dem Inventar des “öffentlichen Raums” (Templertor, Ufermauer, Grünanlage, Malakoff-Treppen).

An Templertor und dem Treppengeländer waren wollene Netze gespannt. Auf die Ufermauer hatte man zur Ergänzung der pflanzlichen Berankung Aluminiumadern appliziert. Ebenso ungewohnt , weil schwarzbestrumpft, zeigte sich ein Strauch vor Forsythienkulisse. Worüber sich natürlich prompt eine rotgehechelte Joggerin echauffieren musste. Nicht umsonst ist urbane Kunst selten beständig.

Fischli & Weiss Revisited

Große Langgasse/Ludwigstraße

    Große Langgasse/Ludwigstraße

Weitere Fragen (Auswahl): “Warum ist alles so weit weg?  Wer bezahlt mein Bier?  Wo ist mein Bett?  Kommt der Gestank von draußen?  Fährt noch ein Bus?  Wo sind meine Schlüssel?  Wann kommt das Geld?  Warum ruft sie nicht an?  Wer regiert die Stadt?  Wem nützt der Mond?  Soll ich mich betrinken?  War ich ein gutes Kind?  Soll ich mir ein Süppchen kochen?  Findet mich das Glück?  Bin ich durchsichtig?  Soll ich mir einen Kuchen backen?  Soll ich im Wald als Räuber leben?  Bellt der Hund die ganze Nacht?  Ist alles halb so schlimm?  Ist alles ein Traum?  Wäre ich ein guter Polizist?  Soll ich der Welt gegenüber mehr Interesse zeigen?  Warum ist es plötzlich so still?  Wem gehört Paris?Wann wird es hell?  Wohin treibt es mich heute?  Verbummle ich mein Leben?  Soll ich mich der Forschung zur Verfügung stellen?  Wie wirke ich?  Kommen Meinungen von selbst?  Gibt es die Welt auch ohne mich?  Soll ich in Lumpen gehen?  Bin ich auserwählt?  Warum gibt es schlechte Menschen?  Hätte aus mir etwas anderes werden können?  Ist Widerstand zwecklos?  Bin ich ein Sonderling?  Wie gut ist mein Versteck?  Soll ich mich gehen lassen?  Durchschaut man mich?  Warum geschieht nie nichts?  Soll ich im Wald eine Hütte bauen und dort allein und in Armut leben?  Soll ich die Wirklichkeit in Ruhe lassen?  Führt Gemütlichkeit direkt ins Verbrechen?  Bin ich zu gepflegt?  Bin ich zu weich?  Soll ich dem Tageslicht aus dem Weg gehen?  Soll ich eine starke Lampe kaufen?  Trägt sie eine Waffe?  Kann ich noch fahren?”

Kunst? Sachbeschädigung? Kreativer Vandalismus?

Am Taubertsberg

    Am Taubertsberg

Zwischen der Akademie für Bildende Künste und dem Taubertsberg-Hochhaus hat es einen Abfalleimer ins öffentliche Grün verschlagen. Drei, vier Meter über dem Erdboden hängt er an einem Aststumpf. Unklar bleibt dem Beschauer bislang, ob der Müll-Malefikant unter frustrierten Mainz05-Fans zu suchen ist, die dort in der Bundesliga-Saison alle zwei Wochen vorbeigrölen. Mag sein, dass sich ein subversiver Kunststudent an einer “urbanen Intervention” versuchte und die Installation aus Metall, Müll und Baum kombinierte. Gucki rätselt weiter.