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Rheinufer Revisited: Kilometer 595,9

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    “… je altvertrauter ein Ding ist, um so öfter hat es für das Gefühl sein Gesicht gewechselt, um so mehr wächst es dem, der seine Stimmungen verfolgt, ins Geheimnisvolle. Die nächsten Dinge sind den Hirten die phantastischesten. So wird dem griechischen Hirten der Urzeit sein Bock, das was er am besten kennt, zu einer Art von Dämon, dem Satyr; in seiner Hürde, die er nachts um die Ziegen schließt, fühlt er gespensterhaft einen Hürdengeist, einen Gestaltlosen, Namenlosen: »den von den Hürden«, »Apollon«, und der Steinhaufen, der ihm täglich an einer schwierigen Stelle im Gebirge seinen Weg zeigt, birgt für ihn einen ebenso geheimnisvollen, formlosen Geist des Steinhaufens und des schnellsten Weges, »Hermes«…” (Harry Graf Kessler)

Rheinufer

Traveler Digital Camera

    “We have not the reverent feeling for the rainbow that a savage has, because we know how it is made. We have lost as much as we gained by prying into that matter.” (Mark Twain)

Rheinufer

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    Im Westen lag der stumme Abendhimmel | In ganz verblaßter milchiggelber Farbe. | Und diesem Himmel stand wie abgeschnitten | Ein Haufen Schornsteintürme vor der Helle. | Aus allen Schloten qualmte dicker Rauch, | Erst grad’ zur Höh’, dann wie gebrochen bald …” (Detlev von Liliencron)

Rheinufer

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    “Ja, hier könnte die Tage des irdischen Seins ausleben | Ruhig wie schwimmendes Silbergewölk durch Nächte des Vollmonds | Irgend ein Herz, nach Stille begierig und süßer Beschränkung.” (August von Platen)

“Vorgestern träumte mir, ich befände mich in Italien und sei ein bunter Harlekin …”

Maaraue

    Maaraue

“… und läge recht faulenzerisch unter einer Trauerweide. Die herabhängenden Zweige dieser Trauerweide waren aber lauter Makkaroni, die mir lang und lieblich bis ins Maul hineinfielen; zwischen diesem Laubwerk von Makkaroni flossen statt Sonnenstrahlen lauter gelbe Butterströme, und endlich fiel von oben herab ein weißer Regen von geriebenem Parmesankäse.” (Heinrich Heine)

“… und wieder mit dem Finger abfühlend die zerfallne Jahreszahl …” (Rilke)

Rheinufer

    Rheinufer

Die Verwendung von Jahreszahlen in Firmennamen oder Werbung will bedacht sein. In der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts, als das Ende des Milleniums noch in weiter Ferne schien, fügte so mancher Ladeninhaber seiner Firma die Jahreszahl 2000 hinzu, um das Unternehmen so mit dem Glanz von Modernität und Zukunftszugewandtheit zu schmücken. Nun zermahlte die Zeit Jahrzehnt um Jahrzehnt mit der ihr eigenen Unerbittlichkeit. 2000 kam und ging.  Und nach längstens zwei Jahren waren alle Firmenschilder und Neonreklamen mit “Bistro2000”, “Salon2000” oder “Cafe2000” so öde, unmodern und out wie Tamagotchis, Schulterpolster, Kassettenrekorder oder Popliteratur.

    Da hat man es in der “Rhoischnook” mit dem Hinweis zu TV-Übertragungen “auf Grossleinwand” cleverer angestellt. Die Türaufschrift lässt sich auch im Jahr 2106 (und mit etwas typographischer Nonchalance auch schon 2066) zur Kundenansprache einsetzen. Denn mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit wird die FIFA auch in Zukunft Fussballweltmeisterschaften vergeben. Der Ball wird wohl immer noch rund und das nächste Spiel das schwerste sein. Ob es allerdings 90 Minuten dauern wird, scheint schon nicht mehr so gewiss.

    “If you take a piece of glass no bigger than the top of your thumb …”

    Stresemannufer

      Stresemannufer

    “… place it in a mortar and industriously pound and grind at it, you will, in course of time, produce a fine white powder smooth to the touch and, though insoluble, yet easily administered to man.” (Edgar Wallace)

      Vorstehend beschriebene Methode der Giftherstellung mit Glasscherben als Rohstoff wird in den Afrikaromanen  des Kriminalautors  überliefert. Sie kam gewohnheitsmäßig dann zur Anwendung, wenn Ehefrauen mit dem Zustand ihrer Beziehung im allgemeinen und dem männlichen Teil derselben im speziellen unzufrieden waren. Das zu Pulver zerstoßene Glas wurde unauffällig mit der Abendmahlzeit verabreicht und perforierte während der Nachtruhe den Verdauungstrakt des Lebensabschnittsgefährten.

        Ähnlich perfide ist das Szenario, in dessen Folge kleinste Glasscherben auf dem Pflaster der vollgefressenen, geisteskranken Stadt regelmäßig die Bereifung des Radlers zerstören. Es beginnt mit dem Abendvergnügen der jungen Straßenbiertrinker, die ihren Gerstensaft auf dem Weg zur nächsten in-location inhalieren. Das Trinkritual der Spaß-Crowd macht es offenbar zwingend erforderlich, die geleerte Flasche dann irgendwo zu zerschmeissen. Allein für diese Rücksichtslosigkeit gebührte den Burschen die Bastonade. Mit Glasbruch und Mehrarbeit für die Stadtreinigung hat es aber noch nicht sein Bewenden.

        In den nächsten Tagen werden die Scherben unter Autoreifen oder Stiefelsohlen langsam zu immer kleineren Splittern zermahlen, bis sie mit dem unbewaffneten Auge nicht mehr zu erkennen sind. Dann können sie sich unbemerkt in den Reifenmantel bohren, um bei unpassendster Gelegenheit auch den Schlauch in Mitleidenschaft zu ziehen.

        “Thou hast said right, said he; and his muck-rake doth show his carnal mind.”

        Budenheim, Rheinufer

          Budenheim, Rheinufer

        “Now, whereas it was also showed thee that the man could look no way but downwards, it is to let thee know that earthly things, when they are with power upon men’s minds, quite carry their hearts away from God.” (John Bunyan)

        Das Rheinhochwasser hat auf vielen Leinpfaden, Straßen und Wegen in Ufernähe einen zähen braunen Matsch zurückgelassen, der Spaziergänger, Jogger und Radler zu Balancierübungen und Ausweichmanövern zwingt. Wie schon beim Schnee genießt auch das Wegräumen des Schlamms nicht überall erste Priorität.

        Im übertragenen Sinn gilt das erst recht für das Mediensystem, was bei Gelegenheit der Wiki-Leaks-Debatte deutlich wurde. Auf der Agenda steht investigative Wühlerei im täglichen Schmutz selten obenan. Mit “muck-raking” (der Begriff geht auf Theodore Roosevelt zurück, der ein Bild aus John Bunyans “Pilgerreise zur seligen Ewigkeit” aufgreift) mag sich das Gros der Journaille nicht mehr so gerne befassen.